Modellbau-ABC von Wilfried Eck

 

 

Kamikaze
Eine Frage der Ehre

 

Ki-84 der "57. Spezialangriffseinheit" (Heer), Chiran 1945 Japanisches Propagandafoto A6M5 der Gruppe 201 (Marine), Mabalacat 25.10.44
Zeichnung: Srecko Bradic   Zeichnung: Srecko Bradic

Kamikaze, Götterwind. Die Geschichte scheint bekannt. Japanische Piloten, die sich auf Befehl des Kaisers mit "Banzai"-Ruf auf amerikanische Flugzeugträger stürzten. - Aber war das wirklich so?

 

Der Begriff "Kamikaze":

Man spricht von Kamikaze-Einsatz und Kamikaze-Piloten, in Japan aber wurde „Kamikaze“ anders verstanden und nie für solche Art Einsatz verwendet.  "Kamikaze" war ein tief im japanischen Bewusstsein  verankerter historischer-mythischer Begriff.  Im 13. Jahrhundert waren zwei mongolische Invasionsversuche - denen Japan nichts entgegen zu setzen hatte - an Taifunen gescheitert. Daraus entstand der Mythos, wenn Japan als Land der Sonnengöttin in Gefahr sei, von einer überlegenen feindlichen Macht erobert zu werden, fege ein neuer großer Sturm der Götter – „Kamikaze“ – den Angreifer hinweg. „Kamikaze“ bezog sich somit auf eine nicht näher definierte Rettung aus höchster Not. Für den konkreten Selbstopfereinsatz eines Einzelnen gab es andere Bezeichnungen. Für den Einsatz einer militärischen Einheit verwendete man in der japanischen Marine den Begriff "Tokubetsu Kōgekita" (Spezialangriff), kurz "Tokko Tai" oder "Tokko", beim Heer "Shimbu Tai". -  Im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Meinung waren „Kamikaze“-Einsätze nicht auf Flugzeuge beschränkt.  Es gab auch menschengesteuerte Torpedos („Kaiten“), sprengstoffbeladene Boote und Anderes mehr.

Der Tenno:.

Die Behauptung, "Kamikazeeinsätze"  seien vom japanischen Kaiser befohlen worden, ist aus zwei Gründen falsch.  "Kaiser" suggeriert eine Machtstellung, die der Tenno - so seine offizielle Bezeichnung - tatsächlich nicht hatte. Seit alters her als Nachfahre der Sonnengöttin Amaterasu angesehen, war er ein Gott und Verkörperung Japans.  In der Realität lag die Macht bis in die Neuzeit de facto bei einer Militärregierung, dem „Shogun“. Aber auch nach dessen Abschaffung 1868 war die Politik Japans nach dem 1. Weltkrieg ausschließlich vom Militär bestimmt. Tenno Hirohito fungierte als bloße Symbolfigur. Beteiligung am Tagesgeschäft oder gar Befehle zu erteilen lag weder in seinem Interesse noch wurde eine solche von ihm erwartet.  Fakt ist, dass Tenno Hirohito erst nach dem ersten Selbstopfereinsatz davon erfuhr, den Erfolg begrüßte, aber das Schicksal der Piloten bedauerte. Dass er sich im August 1945 per Radioansprache an sein Vok wandte, war damals ein unerhörter Vorgang. Niemals vorher hatte ein Tenno zum Volk gesprochen und niemals vorher war eine Niederlage vom Tenno öffentlich eingestanden worden.

Die Tradition:

Die eigentlichen Hintergründe für die japanische Art der Kriegführung liegen im „Bushi do“ (Weg des Kriegers). Der mittelalterliche Shogun gründete seine Macht auf „Daimyos“. Provinzfürsten, die jedoch ihrerseits nach Macht strebten. Kriege mit den Nachbarn waren an der Tagesordnung. Den deutschen Rittern vergleichbar bildete sich die Kaste der „Bushi“ heraus. Adelige oder zumindest Gefolgsleute eines solchen,  gegen Zurverfügungstellung von Land ihrem Lehensherrn lebenslang zu treuer Dienstleistung verpflichtet und Samurai genannt. Da deren Kampfweise Kraft und Geschicklichkeit voraussetzte, war stetiges Training und darauf abgestellte asketische Lebensweise Voraussetzung (im Unterschied zu den Herrschenden, die sich in Luxus ihren Ränken widmeten). Aufgrund ihres ehrenhaften und vorbildlichen Lebenswandels genossen Samurais deshalb bei Volk und Herrschenden gleichermaßen hohes Ansehen. Mit dem sich daraus entwickelnden Selbstbewusstsein war für einen Samurai eine Niederlage unvereinbar. Die Schande wäre auch auf seine Familie zurückgefallen. Dem zufolge gab es für ihn nur eine Alternative: Sieg oder Tod. Japanische Legenden sind voll von Beschreibungen kühnen und ehrenhaften Verhaltens, wobei Samurai Kusunoki Masashige den Helden schlechthin verkörperte. Vor der Schlacht von Minotagawa, 1336, gab der Tenno einen Schlachtplan bekannt, den Masashige jedoch als gravierenden Fehler, der nur zur Niederlage und seinem Tod führen konnte, einschätzte. Dennoch verbot es sich für Masashige, dem Tenno zu widersprechen. Es kam wie er vorhergesehen hatte. Die Schmach der Niederlage zu sühnen und ihre Ehre wiederherzustellen begingen Masashige und die wenigen Überlebenden „Seppuku“ (vulgär: „Harakiri“).

Diese Samuraitugenden - Ehre, Treue, Gehorsam, Todesverachtung und Leben nach strengen Regeln – sollten Japan bis in die Neuzeit hinein prägen. Nicht, wozu man Lust hat, sondern wie die Tradition es befiehlt, - wie alle anderen es machen - ist entscheidend. Dies in verstärktem Maße im Militär, wo man sich ganz selbstverständlich als Nachfahre der Samurai verstand. Mit einem nach dem 1. Weltkrieg forcierten Nationalismus ergab diese Kombination in den Händen der Militärregierung der dreißiger Jahre eine höchst brisante Mischung.

Empfehlenswerte Seiten zu "Samurai": http://mcel.pacificu.edu/as/students/bushido/bsamurai.html
  http://victorian.fortunecity.com/duchamp/410/main.html

Militärischer Hintergrund:

Saipan-Operationen Juni 1944 - vorne CVE-71 Kitkun Bay

Der japanische Vorkriegspilot konnte sich aufgrund einer hervorragenden, aber unglaublich brutalen Ausbildung zu den besten der Welt zählen. Dem „Bushi-do“ entsprechend war sein Flugzeug kompromisslos auf Angriff hin konstruiert. Reichweite, Steigfähigkeit und Wendigkeit waren wichtig, Panzerung oder selbstabdichtende Tanks – anfänglich sogar Fallschirme – eines Samurai unwürdig. Ein Pilot der nicht zurückkam, wurde – zu Recht – als gefallen betrachtet. Diese Einstellung  sollte sich jedoch bitter rächen.

In der Schlacht um Midway,  bei der Hunderte der Vorkriegspiloten mit den versenkten Trägern untergingen, wurde 1942 der Grundstein zur späteren Niederlage gelegt. Im System der Vorkriegsausbildung konnten jährlich nur ca. 100 Piloten ihre Ausbildung absolvieren. Die Luftschlachten um Guadalcanal und die Salomonen 1943 führten jedoch zu weiteren und höheren Verlusten.  Amerikanische Piloten hatten mittlerweile gelernt, sich nicht auf Einzelkämpfe einzulassen und solange der Motor lief, kehrte auch eine durchlöcherte Maschine zurück. Bei den leicht gebauten und ungepanzerten japanischen genügte oft ein einziger Treffer. Die noch verbliebenen Veteranen fielen, einer nach dem anderen. Der dringend benötigte Ersatz, vorzeitig von den Schulen genommen, entsprechend schneller. Dessen Ersatz noch schneller und so fort. Die japanische Marineluftwaffe war personell und materiell immer weniger in der Lage, den amerikanischen Trägerkampfgruppen entscheidenden Widerstand entgegenzusetzen. Dies kulminierte am 19. und 20. Juni 1944 in der Philippinensee, als 375 japanische Flugzeuge und die letzten einsatzfähigen Flugzeugträger verloren gingen („The Great Marianas Turkey Shoot“). Es war das faktische Ende der japanischen Marineluftwaffe.

Details hierzu: http://www.combinedfleet.com/battles/Battle_of_the_Philippine_Sea

 

Oktober 1944, Philippinen: Nach dem Fall der Marianen (Guam, Saipan, Tinian) im Mitte 1944 musste Japan erkennen, dass mit den vorhandenen Kräften an einen Sieg nicht mehr zu denken war. Zu hoffen war allenfalls ein ehrenvoller Friedensabschluss oder zumindest Waffenstillstand. Es galt deshalb, um dafür Zeit zu gewinnen, die Philippinen um jeden Preis zu halten. Hierzu mussten vor allem die amerikanischen Flugzeugträger ausgeschaltet werden. Die japanische Flotte versagte jedoch kläglich. Damit blieb nur noch der Angriff aus der Luft. In Anbetracht der gewaltigen Übermacht und der täglichen Verluste in der Luft und am Boden ein  nicht zu bewältigendes Unterfangen. Zur Verteidigung der gesamten philippinischen Inseln standen lediglich 27 Flugzeuge bereit (nach anderern Quellen 30, was aber de facto keinen Unterschied macht) .

Als Erfinder des (dritten) „Kamikaze“ wird oftmals Vizeadmiral Takijiro Onishi genannt. Tatsächlich aber griff er nur einen Gedanken auf, der schon seit einiger Zeit in der Truppe kursierte*. Bei der zu erwartenden amerikanischen Invasion der Philippinen würde man einer mindestens 10-fachen Übermacht gegenüber stehen. Man würde fallen, ohne etwas erreicht zu haben. Umgekehrt konnte ein mit einer Bombe ausgerüstetes Flugzeug kompromisslos gesteuert,den Flugzeugträger mit allem was darauf war, versenken. Würdig und ehrenvoll zu sterben entsprach dem „bushi do“. Konnte Japan damit gerettet werden, war es eine große Ehre und der Tod gerechtfertigt. Nach Überzeugung von Admiral Onishi konnte man einen solchen Einsatz jedoch nicht befehlen.

* Leutnant Masakazu Ohta regte - wohl Anfang 1944 - den Bau einer bemannten Rakete mit Sprengstoffkopf an, die schließlich von Yokusuka als MXY7 „Ohka“ gebaut wurde. Bemannt wurde sie von den "Donnergöttern",  Absolventen der Yokaren Kadettenanstalt, alles Freiwillige, 15-16 Jahre alt (!).

Start um ersten, abgebrochenen Einsatz, 21.10.1944

Als der stellvertretende Kommandeur des Marinefliegergruppe 201, Asa-ichi Tamai, am 19.10.1944 auf dem Zentralflugplatz Clark bei Manila Onishis Vorschlag unterbreitete, erklärten sich 24 Piloten bereit, einen solchen Einsatz zu fliegen. Kapitänleutnant Yukio Seki sollte sie führen. Ihre Maschinen waren bereits für früher beabsichtigte Springbomben-Einsätze mit Halterungen für eine untergehängte 225 kg Bombe ausgerüstet. Ein Einsatz am nächsten Tag musste allerdings wegen schlechten Wetters abgebrochen werden. Am 25.10. war es dann soweit. Von Davao auf Mindoro starteten sechs A6M Zero (Einheiten „Asahi“ und „Kikusui“) mit vier Zeros als Begleitschutz; die Einheit „Shikishima“ unter Kapitänleutnant Seki mit fünf Selbstopfermaschinen und vier Geleitjägern folgte einige Zeit später von Mabalacat (Luzon) aus. Ziel waren die vor Leyte versammelten Flugzeugträger, in diesem Fall die Geleitträgerverbände „Taffy 1“ und –„3“. Als erstes Schiff wurde um 07.40 Uhr die „Santee“ (CVE-29) getroffen, um 08.oo Uhr die „Suwanee“ (CVE-27). Beide blieben aber schwimmfähig. Sekis Gruppe traf auf „Taffy 3“ und erzielte Treffer auf „Kitkun Bay“ (CVE-71), „White Plains“ (CVE-66) und „Fanshaw Bay“ (CVE-70), die aber, wie sich später zeigte, relativ unbedeutend waren. Anders aber die „St. Lo“ (CVE-63). Eine Zero, bereits eine Rauchfahne nach sich ziehend, der Legende nach von Seki gesteuert, löste zunächst ihre Bombe aus und schlug dann 11.35 Uhr mittschiffs ein. Im Hangar gerieten Flugzeuge und Munition in Brand, die „St Lo“ explodierte wenig später in einer spektakulären Feuerwolke. Als die Begleitjäger, darunter das Ass der Asse, Nishizawa, die Nachricht von mehreren versenkten Flugzeugträgern nach Hause brachten, war der Bann gebrochen. Ein einzelner tapferer Pilot konnte einen Träger und damit auch alle seine Flugzeuge vernichten. Das ergab Sinn. Ein neuer Götterwind! Freiwillige meldeten sich in Scharen, manche Meldung, um ihr Nachdruck zu verleihen, mit dem eigenen Blut unterschrieben. Die Marineluftwaffe konnte es sich darum leisten, Erstgeborene, Verheiratete und erste Söhne abzulehnen. Nichts erhellt besser die Situation als die im „Yasukuni“-Schrein  aufbewahrte Geschichte von Leutnant Fuji, dessen Ehefrau sich und ihre beiden Kinder ertränkte, damit er sich seinen Herzenswunsch, einen solchen Einsatz zu fliegen, erfüllen konnte. Von der Gruppe 201 überlebte übrigens nicht ein einziger. Wer nicht an einem „Tokko tai“-Unternehmen teilnahm, fiel als Infanterist bei den Kämpfen um Manila.

 

Wie es weiterging:

Geflogen wurde keineswegs nur mit schnellen Jagdflugzeugen. Es kam so ziemlich alles zum Einsatz. Auch Sturzkampf-, leichte und schnelle Bomber. Dazu - unglaublich, aber wahr - stoffbespannte Doppeldecker,  Schulflugzeuge mit einem Benzinfass auf dem hinteren Sitz. Vom Radar kaum zu erkennen und deshalb mit guten Chancen.

Erstaunlicherweise waren es weder der Aufschlag noch die Bombe, die ein Schiff versenken konnten, sondern der Treibstoff. Das Loch, das durch den Aufprall entstand, war relativ unbedeutend, da die Tragflächen abgerissen wurden. Die mitgeführte Bombe hatte hier schon mehr Wirkung. Insbesondere, wenn sie vor dem Aufschlag ausgelöst wurde, so dass ein zweites Loch entstand. Im ersteren Fall blieb das Schiff in der Regel schwimmfähig, in letzterem konnte es evtl. bei kleineren Schiffen zur Versenkung ausreichen. Die wirkliche Gefahr aber bildete der in Brand gesetzte Treibstoff, der für sich allein auch durchaus beherrschbar sein konnte, bei Trägern aber eine verheerende Sekundärwirkung auszulösen vermochte. Im Hangar unterhalb des Flugdecks waren voll munitionierte und aufgetankte Flugzeuge abgestellt, an den Wänden Bomben und Torpedos gelagert. Bei deren Explosion war das Schicksal eines leicht gebauten Geleitträgers besiegelt (so Anfang 1945 auch die Geleitträgern „Bismarck Sea“ (CVE-95)  und „Ommaney Bay“ (CVE-79). Bei den britischen Trägern hingegen waren solche Angriffe wirkungslos, sie hatten Panzerdecks.

explosion cloud above St Lo

Geleitträger St Lo explodiert

 

Frühjahr 1945, Okinawa: Das japanische Heer – traditioneller Rivale der Marine - blieb offiziell lange Zeit unbeteiligt. Auch in Pilotenkreisen hielt sich die Begeisterung für „Spezialangriffe“ in engen Grenzen (ob behauptete frühere Selbstopfereinsätze einzelner Piloten tatsächlich stattgefunden haben oder eine nachträglich Legende zur Beteiligung sind, ist schwer festzustellen; auf Seiten der US Navy war jedenfalls davon nichts zu bemerken). Erst nach dem Fall der Philippinen scheint ein Umdenken eingetreten zu sein. Man wollte sich wohl nicht nachsagen lassen, in der letzten Verteidigungslinie gefehlt zuhaben. Bei den mit Erbitterung geführten Schlacht um Okinawa ab April 1945 beteiligte sich das Heer dann in großem Stil von Chiran auf Kyushu aus.

Beim Heer war Freiwilligkeit nicht entscheidend. Mit mit Fragebogen, die namentlich unterschrieben zurückzugeben waren, setzte man auf den alten Samuraistolz (oder die Feigheit, „Nein“ zu sagen), im anderen Fall sorgten die japanische Eigenart, nicht auffallen zu wollen, sich in die Gruppe einzufügen und damit ein gewisser Gruppendruck für die erforderlichen Zahlen. Dies aber nur am Anfang. Später machte man eine ganze Staffel zu einer Shimbu-Einheit, bei den Absolventen der Flugschulen

 Eine ganz andere Kategorie von echten Freiwilligen rekrutierte sich allerdings aus den Hoch- und Mittelschulen. Deren Motive waren vielfältig. Jugendlicher Patriotismus ebenso wie Liberale, manche auch, um ihre Familie vor den befürchteten amerikanischen Gräueltaten zu bewahren und anderes mehr. Notdürftig ausgebildet, füllten sie nur die Reihen, was durchaus einkalkuliert war, denn auch sie beschäftigten die amerikanische Abwehr. Während in den Anfangszeiten voll getankt wurde, damit man zurückkehren konnte, wenn man kein Ziel fand, zwang der immer prekärer werdende Treibstoffmangel, die Tankfüllung auf den Hinflug zu beschränken. Damit war jeder Start unausweichlich der letzte. Als weitere Konsequenz aber auch verminderte Trefferwirkung.

Die Frage "Auf Befehl oder freiwillig?" verlor Anfang 1945 immer mehr an Bedeutung. Jedem Absolventen der fliegerischen Ausbildung war klar, dass konventionelle Luftkriegsführung nicht mehr möglich war und er ganz automatisch einer "Tokko Tai"- Einheit zugeteilt werden würde.

Zugehörigkeit zu einer Einheit bedeutete aber keineswegs sofortigen Einsatz. Man hatte zu warten, bis man eingeteilt wurde. Diese Wartezeit war für die einen Gelegenheit, sich in Ruhe und Abgeklärtheit vorzubereiten, Briefe zu schreiben und letzte Sachen zu erledigen. Zeit und Muße dazu standen reichlich zur Verfügung, für Essen, Trinken und andere Freuden war bestens gesorgt. Für diejenigen hingegen, die am Leben bleiben wollten, war die Wartezeit eine quälend lange Tortur. Der Einsatzbefehl wurde deshalb geradezu als Erlösung empfunden. Was den Einzelnen bewegte, kann den erhaltenen Abschiedsbriefen nur sehr bedingt entnommen werden. Sie unterlagen der Zensur und hatten patriotisch zu sein. Wie auch immer man dazu stand, beim letzten Gang hatte man Haltung und keine Schwäche zu zeigen.

Schlechte - unvollständige -  Recherche hat leider dazu geführt, dass Aussagen von unfreiwilligen und zutiefst demotivierten Piloten verallgemeinernd als Regel dargestellt werden.

Das Ergebnis:

Durch „Kamikaze-Flugzeuge“ wurden bis Kriegsende 36 US-Schiffe versenkt sowie 368 beschädigt (jeder Flottenträger mindestens einmal). Als glatter Fehlschlag erwies sich die MXY7 „Ohka“. Der erste, mit viel Pomp gefeierte, im Ergebnis aber überhastet angesetzte Einsatz der jugendlichen "Jinrais" (Donnergötter) endete in einem Desaster. Die schwerfälligen G4M "Betty" Bomber mit ihren untergehängten Ohkas waren für die Jäger der amerikanischen Fernsicherung leichte Beute. Alle wurden abgeschossen. Soweit Ohkas im Notwurf ausgelöst worden waren, stürzten sie ergebnislos ins Meer. Was folgte, gelang kaum besser. Versenkt wurde nur der Zerstörer „Mannert L. Abele“ (Pilot Saburo Doha, ein introvertierter Lehramtsstudent), 6 unbedeutendere Schiffe wurden beschädigt. Gestorben sind dafür 375 Besatzungsmitglieder der G4M Trägerflugzeuge sowie 55 Ohka-Piloten. Als Fehlschlag erwies sich auch der Einsatz bemannter Torpedos ("Kaiten"). Wegen Konstruktionsmängeln ging die Mehrzahl vorzeitig unter. Sprengboote wurden meist schon nach Auffinden zerstört.

Auf amerikanischer Seite hatten die Verluste an Kriegsgerät so gut wie keinen Einfluss. Es gab Ersatz. Personellen Verluste (insbesondere die „Franklin“ – CV-13 -  war schwer getroffen worden) wogen zwar schwerer, konnten aber auch ersetzt werden.  Besorgniserregend hingegen waren die als indirekte Nebenwirkung dieser Art japanischer Angriffe zunehmend zu verzeichnenden Kriegsneurosen.  Insgesamt gesehen für die US-Regierung ein Grund, für die Invasion Japans das Schlimmste zu befürchten. Der Einsatz der Atombombe schien damit unumgänglich.

Wie viele „Kamikaze“-Einsätze geflogen wurden, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen, von einer Zahl um mehr als 2.000 ist aber auszugehen. Vielleicht hätte man tatsächlich das Ziel, den vom Tenno und einsichtigen Politikern angestrebten Waffenstillstand, erreicht. Aber leider hatte man sich der Sowjetunion als Vermittler bedient. Die aber hatte, wie ihre Kriegserklärung kurz vor der Kapitulation beweist,  das Gegenteil im Sinn.

Abschließend: Kamikaze spricht man wie „Kammieh-kase“ (mit kurzen Vokalen und stimmhaftem s) aus und das letzte Wort eines Selbstopfer-Piloten war keineswegs „Banzai“. Man bevorzugte „Mutter“ oder den Namen einer anderen geliebten Person.

 

CV-17 USS Bunker Hill nach Kamikazetreffer

 

Photos von der getroffenen Saratoga: http://www.navsource.org/archives/02/saratoga/saratoga3.htm


 

Interessante Photos (Texte inEnglisch):

Chiran Kamikaze Museum: http://wgordon.web.wesleyan.edu/kamikaze/japanese/index.htm
Chiran Kamikaze Museum YouTube Film: https://www.youtube.com/watch?v=rsBN8_ONKS0
Ohka Raketenbombe, Sprengboote, Kaiten Torpedos, etc.: http://www.b-29s-over-korea.com/Japanese_Kamikaze/Japanese_Kamikaze05.html
Ausstellungsstücke, Wracks, Örtlichkeiten: http://www.j-aircraft.com/index.htm



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