Kanadischer Leopard 2A6 in Afghanistan 2010 im Maßstab 1:72

Wahrscheinlich Ende der Nuller Jahre sah ich auf einer Modellbauausstellung – möglicherweise in Lingen – einen Umbausatz mit photogeätzter Abstandspanzerung für einen Zweier Leopard. Eigentlich sind Kampfpanzer ja nicht ganz so mein Ding, aber das viele Messing um den Plastikpanzer herum versprach eine modellbauerische Herausforderung und ein besonderes Modell. Der Entschluss zum Kauf kam aber zu spät, der Stand war bereits abgebaut.

2013 traf ich Herrn Conrad (früher M. C. Modellbau, heute MACO) wieder einmal auf einer Ausstellung und sprach ihn auf den Umbausatz an. „Nein, die sind mittlerweile alle abverkauft. Jahrelang wollte die niemand haben, und die letzten der 25, die ich produziert habe, sind die letzten Wochen weggegangen. Sorry. Aber halt, einen könnte ich vielleicht noch im Keller liegen haben. Ich schau nach.“

Und Herr Conrad schaute nach und es lag noch einer im Keller! 34 € wechselten den Besitzer und ich hielt kurze Zeit später den Revell Leopard 2A6-Bausatz in 1:72 zusammen mit dem erwähnten Umbausatz in der Hand.

Damit begann ein recht langes Modellbau-Abenteuer in dem einiges an Frust, Enttäuschung, Ärger und Lustlosigkeit zu überwinden waren und dem Modell immer wieder lange, lange Pausen im Regal der reifenden Motivation verschafften – das andererseits aber auch zu guter Letzt zu einem nicht alltäglichen Modell führte und dem sehr befriedigenden Gefühl, alle Schwierigkeiten letztendlich doch überwunden zu haben.

Hier also die Grundausrüstung für den kanadischen Leo, wie er ca. 2010 in Afghanistan zum Einsatz kam. Zum einen natürlich der oben erwähnte Revell-Bausatz 03180, dann der Photoätzteilsatz ET72-027 von E.T. Model, der eigentlich für den Leo für Dragon angepriesen wird, aber genauso gut für den Revell-Leo verwendet werden kann. Und dann natürlich noch der Umbausatz, der neben den beiden Platinen für die Abstandspanzerung noch Resin-Teile für verschiedene Details und eine Reihe von Profilstangen enthielt.

Was die Details von Turm und Wanne angeht, ist der Revell-Bausatz wirklich schön und ich habe hier keine nennenswerten Abweichungen vom Original gefunden. Was die Freude allerdings deutlich trübt sind die tiefen Sinkstellen an einigen Fahrwerksteilen und vor allem auch den Ketten – oh! diese Ketten! Dazu kommen noch inkorrekte Laufräder und eine sehr schwierige Ausrichtung der Laufrollen, die nach Aufstecken auf die Achsen in alle Richtungen stehen. Kurzzeitig hatte ich gehofft, dass die Laufrollen des Trumpeter-Bausatzes besser sein könnten, aber die waren noch viel weiter von der Wirklichkeit entfernt, sodass ich diesen Ansatz gleich wieder verwarf. Heute würde ich die Laufrollen von OKB Grigorov und die dazu passenden Ketten bestellen.

Damals habe ich mich daran gemacht, die Sinkstellen in den Ketten zu verschließen und die, die später nicht mehr sichtbar sein würden, zu belassen. Die Ketten lagen als zwei zu verbindende Stränge pro Seite vor und wurden mittels sehr grobem Schleifpapier bearbeitet, um die starke Abnutzung der Kettenpolster, die den Einsatz in Afghanistan kennzeichneten, nachzubilden. Auch an den Gummiwandungen der Laufrollen wurde diese Technik angewendet. Die Ketten waren dann mittels heißen Wassers zu verformen und über die Rollen zu legen. Das ging mehr schlecht, als recht. Die typische Kettenspannung, die die Leopard-Panzer kennzeichnet, konnte ich nicht ganz nachbilden, die Passung über das Treibrad war mäßig, die Ketten brachen sehr leicht und ließen sich dann aufgrund der ausgesprochen kleinen Kontaktflächen kaum wieder zusammenkleben. Hier ein halbwegs akzeptables Ergebnis zu erzielen testete eine ganze Reihe von Charaktereigenschaften… Aber irgendwann war es dann soweit, dass Farbe drauf konnte. Die Basis bildete ein dunkler Rostton. Die Gleitpolster wurden wo später sichtbar matt schwarz lackiert und die Flächen, auf denen die Rollen liefen, wurden mittels Graphitstiftes metallisiert. Zum Glück verdecken Seitenschürzen die oberen Kettenanteile, denn ich hätte nicht gewusst, wie ich auch dort eine vernünftige Passung und Klebung hätte hinbekommen können.

Bis auf die Säge wurden alle an die Wanne angegossenen Werkzeuge entfernt und durch separate, meist photogeätzte ersetzt. Der Detailierungssatz von E.T. Models hebt das Modell wirklich nochmal auf ein anderes Niveau. Vom Umbausatz sollte an der Wanne nur die zusätzliche Frontpanzerung zum Einsatz kommen. Beim Vergleich mit Vorbildfotos, vor allem aus dem entsprechenden Tankograd-Heft, erschien mir die Form aber falsch, sodass ich mich letzten Endes dazu entschloss, die Panzerung selbst herzustellen, obwohl die später unter einer Barracuda-Matte verschwinden würde.

Die Grundform des Turmes war schnell zusammengeklebt, aber die Verfeinerungen und Modifikationen erforderten doch einiges an Aufwand. Die Photoätzteile lieferten auch hier einen schönen Mehrwert, sind aber auch sehr filigran. Die sehr schönen Staukörbe haben dazu noch die Herausforderung, dass sie keinen rechten Winkel besitzen und damit recht knifflig in die angestrebte Form zu bringen waren. Jetzt galt es auch einige Änderungen zu berücksichtigen, die die kanadische Version ausmacht. Vor der Kommandantenluke war ein Staufach für die persönlichen Waffen der Besatzung angebracht. Dieses war im Umbausatz enthalten und passte gut. Damit endete leider auch schon meine Bereitschaft, die mitgelieferten Resinteile einzusetzen. So wurden zunächst die Antennenhalterungen und dann auch die Antennen neu nach Vorbildfotos aufgebaut. Diese benötigten wiederum eine modifizierte Basis am Turm, die entsprechend geschaffen werden musste und nach einigem Hin und Her entschloss ich mich letzten Endes auch dazu, die ECM-Boxen des Umbausatzes durch selbstgebaute zu ersetzen. Auch die Anordnung der Nebelwerfer wurde korrigiert und abschließend waren noch die Montagepunkte für die Abstandspanzerung nach Fotos zu ergänzen.

Die Kanadier mochten das aus Deutschland mitgelieferte MG3 nicht und ersetzten es durch ein C6 CPMG-Maschinengewehr. 1:72er MGs kaufe ich ohne groß nachzudenken immer von Miniworld, denn diese Messingguss-Teile weisen eine fantastische Detaillierung auf. Das amerikanische FN240 Maschinengewehr ist baugleich mit der o. g. kanadischen Lizenzproduktion und konnte von daher einfach übernommen werden. Das MG war auch auf einer anderen Lafette montiert, die dann ebenfalls aus Plastikteilen und Draht neu aufgebaut wurde.

Damit waren die wesentlichen Basis-Änderungen vorgenommen und der Leo strahlte mit seinem Materialmix den speziellen Charme ausgedehnter Umbauten aus.

rechts der ECM-Boxen noch eine Kühlanlage für die Elektronik und links davon Kabelführungen

Aber dennoch war schnell entschieden, das Modell zu lackieren. Einer grauen Grundierung folge das bekannte NATO-Dreifarbtarnmuster mit AK Real Colors-Farben, die noch maßstabsgerecht aufgehellt wurden. Ich nutzte die Masken von J´s Works, aber mit den ganzen Umbauten und Details war die Arbeit damit auch nicht ganz einfach. Im Endeffekt gefiel mir aber vor allem das Grün nicht. Mit einem deutlich ins Olive gehenden Filter gelang es mir dann aber letztendlich doch, den gewünschten Farbton zu erzielen. Kantenbetonung durch Trockenmalen, Detailbemalung und die beiden Abziehbilder am Heck beendeten die Farbgebung.

Jetzt warteten noch die beiden größten Herausforderungen dieses Baus auf mich: die Abstandspanzerung und die Barracuda-Matten. Los ging es mit der Abstandspanzerung. Die Analyse der Fotos im neuen Tankograd-Heft ließen mich zu dem Schluss kommen, dass die Form der Panzerung am Turm nicht korrekt war und die Taillierung zum Heck hin vermissen ließ. Also wurden die entsprechenden Ätzteile modifiziert bis ich den Originalfotos etwas näher kam. Bei noch recht spärlicher Erfahrung im Löten fiel die Entscheidung, die Abstandspanzerung zu kleben. Das funktionierte im Großen und Ganzen ganz gut und blieb auch ausreichend stabil. Da ich von Anfang an die Beschädigungen, die oft an den Abstandspanzerungen zu sehen waren, nachbilden wollte, kürzte ich einen Teil der Schürzen entsprechend und verbog und stauchte hier und da bis mir gefiel, was ich sah. Eine echte Aufgabe war dann noch einmal die Befestigungen der Abstandspanzerung an Turm und Wanne zu analysieren, auszubaldowern, wie ich sie am besten nachbilde und das dann tatsächlich auch zu tun. Für etwas mehr Stabilität setzte ich 0,3 mm Drähte in die Montagepunkte ein, auf die dann die gebohrten 0,5 mm-Abstandshalter gesetzt wurden. Hier war einiges an Präzision erforderlich, aber ich wurde mit erstaunlicher Stabilität der Gesamtkonstruktion belohnt und musste im weiteren Baufortschritt nur wenige Reparaturen vornehmen. An der Wanne wiesen die Abstandhalter eine andere Form auf. Die konnte ich mit einer Schleifvorrichtung für alle Halter einigermaßen gleichmäßig reproduzieren. Die oberste Reihe der Befestigungen wurde dann noch aus angepassten T-Profilen erstellt, die, wo nötig, entsprechend gebogen oder zusammengesetzt wurden. Abschließend wurden Schraubenköpfe montiert und Drähte als Sicherungen eingesetzt. In 1:72 schon ein rechtes Geduldspiel.

Apropo Geduldspiel: da waren ja noch die Matten. Hier war zunächst einiges an Gehirnschmalz für Analyse, Technikentwicklung und -testung sowie dann die Umsetzung ins Modell zu investieren. In 1:72 hatte ich nur eine einzige überzeugende Repräsentation der Matten gesehen und der Erbauer nutzte hauchdünn ausgerolltes Miliput in das dann das Muster eingestanzt wurde. Ich wollte aber jede Matte individuell herstellen und entschied mich für die Folien-Stanzmethode, die ich für den Maßstab 1:35 auf einer schwedischen Modellbauseite beschrieben sah. Leider ließ sich das gewünschte Erscheinungsbild aber im Maßstab 1:72 mit den genutzten Materialien nicht erzielen. Vielversprechend war zunächst ein Ansatz mit Brottütenpapier, in dem eine feine Kunststofffolie eingearbeitet ist. Leider zerstörte die Lackierung das eigentlich sehr realistische Erscheinungsbild dann, sodass ich das bereits hergestellte gute Dutzend an Matten nicht nutzen konnte.

Folgende Methode kam dann letztendlich zur Anwendung: Nach Analyse der Fotos in dem für dieses Projekt absolut unentbehrlichen Tankograd-Heft wurde die Form der einzelnen Matten ermittelt und diese dann maßstabsgerecht aus dicker (30 oder 50µm) Alu-Folie (Haushaltsfolie hat 5 – 10 µm und funktioniert nicht gut) je zweimal ausgeschnitten. Eine Folie wird dann, wie auf dem Foto gezeigt, spiegelverkehrt mittels einer angeschrägten Hohlnadel aus dem Medizinbedarf perforiert. Der Trick dabei ist, das auf einem Karton zu tun, der genau die Dicke hat, dass die Nadel nur so weit durch die Folie schneiden, um einen halbkreisförmigen Schnitt zu hinterlassen. Diese halbkreisförmigen Schnitte werden mittels Lineal oder photogeätztem Raster in gleichen Abständen eingebracht. Um das gewünschte Muster zu erzielen, ist die Öffnung der Halbkreises bei jeder Reihe um 180° zu drehen, sodass die Bögen dann sozusagen ineinander greifen. Dann wird die Folie gedreht, leicht beschnitten und mit dem Muster nach außen auf die Basisfolie geklebt. Abschließend erfolgt eine Betonung der durch die Schnitte entstandenen kleinen Läppchen mittels Draht- oder Messingbürste und Nadel, um ein unregelmäßigeres Erscheinungsbild zu erzielen. Eventuell durch diese Maßnahmen aufgetretene Beschädigungen treten auch auf den echten Matten auf und verstärken den Realismus. Jetzt nur noch Lackieren und ein kräftiges Washing und schon isse fertig, die Matte. Das Ganze jetzt nur noch ca. 35 mal und fertig iss der Lack.

Nachdem Wanne und Turm ihre Befestigungen für die Abstandspanzerung erhalten hatten und die Matten fertig und ebenfalls angebracht waren, habe ich vor der Montage der eigentlichen Panzerung noch das kanadische Tarnschema imitiert. Die Kanadier haben sich nämlich für Afghanistan gar nicht erst die Mühe gemacht, ein eigenes Tarnschema zu entwickeln, sondern haben die in Deutschland überholten Leopard 2-Panzer, die sie von den Niederlanden gekauft hatten, die sich dachten, dass sie die eh nicht brauchen, da ja die Deutschen erst dran sind, wenn die Russen kommen und wenn die Russen durchbrechen, sie dann auch keinen Unterschied mehr machen… Wo war ich? Ach, kanadisches Tarnschema. Das sieht so aus: NATO-3-Farb-Tarnschema-Panzer mit sandgelber Abstandspanzerung nehmen, vorsichtig auf den Boden stellen, dreimal um den Block fahren und dann einfach nicht sauber machen. Viel afghanischer, als mit afghanischem Dreck geht eigentlich nicht mehr. Afghanischen Dreck hatte ich nicht, aber israelischen und ne Sammlung alter Pigmente. Die wurden also großzügig auf dem Panzer verteilt und eingerieben.

Da der schönste Panzer ohne Besatzung ziemlich nutzlos ist, wollte ich natürlich auch eine darstellen. Das war einfacher gesagt, als getan, da es keine kanadischen Panzerbesatzungen in den Uniformen aus dem Afghanistan-Einsatz im Maßstab 1:72 zu kaufen gibt. Da die amerikanischen Uniformen den kanadischen jedoch recht nahe kommen, habe ich mich dann für drei Figuren aus dem Satz Modern US Tank Crews von Caesars Miniatures entschieden, die auch als Spritzgussfiguren recht passabel sind. Das Flecktarnmuster wurde auf den hellen Grundfarbton mittels eines steifen Borstenpinsels tupfend aufgetragen, von dem fast die gesamte Farbe bereits abgetupft war. Ich bin mit dem Ergebnis recht zufrieden.

Als letzte Details erhielt der Turm noch ein Gitter für den Stauraum, der durch die hintere Abstandspanzerung möglich geworden ist und den konnte ich dann mit ein paar Gegenständen füllen, die ein bisschen Farbe ins Spiel brachten, wie Plastikkanister, Kühlboxen, Getränkekisten, usw. Die Besatzung bekam bei den afghanischen Temperaturen noch eine Dose Kaltgetränk vorgesetzt und vor allem auch noch einen Sonnenschirm. Der war nochmal eine ziemliche Bastelei und ist leider ein bisschen zu klein geraten, gibt dem Modell aber trotzdem nochmal eine besondere Note. An der Rückseite wurde noch eine Krankentrage von EMP3D befestigt und an der Wanne fanden noch selbstgefertigte Abschleppstangen und -seile ihren Platz. Im vorderen Bereich waren noch die Rückspiegel zu montieren. Da mir die aus dem Kit viel zu grob vorkamen, baute ich aus dem Hauler-Rückspiegelset neue, musste dann aber noch die Barracuda-Matte entsprechend ausschneiden, um die Spiegel montieren zu können.  

und dann war der kanadische Leo endlich fertig:

Parallel zum Bau des Leos setzte ich meine Vorstellungen über ein kleines Diorama nach und nach um. Der Aufbau erfolgte mit Isolierungsplatten aus dem Baubedarf, die mit Sperrholz verkleidet wurden. Gips, Kohle und Steine bildeten die Basis der Erdgestaltung, in die eine Reihe von sogenannten HESCO-Bags als Splitterschutz eingedrückt wurden. Ein größerer Defekt an einer der Taschen wurde mittels eines selbstgefertigten Wellblechs verschlossen und die Schutzwirkung der Bewehrung mit aus Miliput individuell hergestellten Sandsäcken weiter erhöht. Nach schwarzer Grundierung erfolgte die weitere Farbgebung. Die Sandsäcke wurden dabei wie auf einigen Bildern gesehen, in verschiedenen Farben bemalt. Der Unterstand entstand aus Plastikprofilen, die auf Holz getrimmt und mit in Rosttönen bemalten PSP-Platten bedeckt wurden. Um die Szenerie noch ein wenig zu beleben, wurden noch weitere Details hinzugefügt, teils auch für diesen Zweck neu angefertigt.

Und dann war auch der Bau des Dioramas abgeschlossen.

Der Leopard 2A6 CAN im Einsatz in Afghanistan 2010. Elf Jahre hat der Bau gedauert, einige Hürden und Motivationslücken waren zu überwinden, aber jetzt bin ich schon ein bisschen stolz, ihn nicht nur fertigbekommen, sondern auch ein ungewöhnliches Modell in einer sehr individuellen Ausführung in meiner Vitrine zu haben.

abschließend noch ein Bild mit 17ml-Flasche zur Verdeutlichung der Größenverhälltnisse.

Michael Kohl im August 2026