In-Box Review
von Michael Kohl
Kategorie: Flugzeuge
Modell: Messerschmitt Bf 108 Taifun
Hersteller: Fly
Maßstab : 1/72
Material : Polysterol und Resin
Seit den 1960er Jahren dominiert das Heller-Modell der Messerschmitt Bf 108 Taifun den Markt im Maßstab 1:72. Wenig Bauteile und ordentliche Passform sowie günstiger Preis sprachen für das Modell und führten bis in die jüngste Vergangenheit zu einer ganzen Reihe von Neuauflagen. Erhabene Panellinien und eine eher rudimentäre Detaillierung waren der zu zahlende Tribut an die Gepflogenheiten und technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit.
2013 – mehr als 50 Jahre nach Erstveröffentlichung des Heller-Modells – erfreute der Kleinserienhersteller Fly die Modellbaugemeinschaft mit einem neuen Spritzguss-Bausatz der Taifun. Hier möchte ich Euch meine Eindrücke von dem Bausatz vorstellen.
Der Bausatz ist seit 2013 bereits mehrfach und in verschiedenen Versionen neu aufgelegt worden und bildet auch die Basis der Ausgaben von Kovozávody Prostějov. Damit stehen dem geneigten Modellbauer eine ganze Reihe an potentiellen Ausführungen zur Verfügung. Militärmaschinen verschiedener Länder, aber auch einige zivile Versionen können mit den von Fly und Kovozávody Prostějov veröffentlichten Bausätzen und den darin enthaltenen Abziehbildern gebaut werden.
Fly ist ein Kleinserienhersteller und der Bausatz ist ein sogenannter Short-Run-Kit. Das bedeutet, dass die Spritzgussformen aus Aluminium und nicht aus Stahl hergestellt sind. Das ist einerseits deutlich preisgünstiger, bedeutet produktionstechnisch aber auch, dass das Plastik mit deutlich niedrigerem Druck eingespritzt werden muss, als bei Stahlformen. Daher sind breitere Angüsse erforderlich und es lassen sich feinste Details nicht, oder nur deutlich schwieriger umsetzen. Fly versucht hier die Quadratur des Kreises, indem sie Kleinteile, die sich mit der Spritzgusstechnik nicht zufriedenstellend umsetzen lassen, als Resin-Bauteile dazuzugeben. Das ist auch der entscheidende Unterschied zu den Ausgaben von Kovozávody Prostějov. Dort fehlen die Resin-Teile nämlich. Die KP-Bausätze werden zu einem ähnlichen Preis, wie die Heller-Taifun angeboten, während die Bf 108 von Fly mit den Resin-Teilen rund doppelt so teuer ist, wie die meisten Angebote von Heller.
Rentiert sich das? Das ist sicher eine Frage der persönlichen Schwerpunktsetzung und die folgende Vorstellung des Bausatzes soll dabei als Entscheidungshilfe dienen.
Erster Eindruck:
Für mich waren die beigelegten Resin-Teile DER Grund, weshalb ich neben dem bereits besessenen Heller-Bausatz noch bei Fly zugriff.
Ich habe mir die Ausführung 72029 gekauft, mit der ich eine schweizer Maschine darstellen kann, die mir gut gefällt. Ein nettes Packungsbild macht Lust auf den Bau.
Auf der Rückseite der leider nur seitlich zu öffnenden Box finden sich farblich gedruckt die vier mit diesem Bausatz darstellbaren Versionen.
Nach dem Öffnen fallen einem Bauanleitung und Abziehbildbogen, Spitzling, Klarsichtteile und Resin-Abguss in die Hände – alle Bauteile nach Material getrennt verpackt.
Die Bauanleitung führt auf vier Seiten in elf Bauschritten zum fertigen Modell. Die Schritte sind klar und übersichtlich. Grobe Schnitzer fielen bislang nicht auf. Die in der Bauanleitung gemachten Farbangaben beziehen sich auf deutsche Militärmaschinen, für zivile Versionen oder Militärmaschinen anderer Länder muss man selbst recherchieren, da diese von der deutschen Basisversion oftmals deutlich abweichen.
Der Spritzling:
Was gefällt ist die gute Oberflächendetaillierung mit feinen Gravuren, die allerdings nicht an allen Stellen sauber ausgeführt und ausgespritzt sind und schon noch der Nacharbeit bedürfen. Die Detaillierung stellt dennoch einen deutlichen Fortschritt gegenüber dem Heller-Bausatz dar. Nieten fehlen zwar vollständig, dies ist bei der Bf 108 aber recht gut zu verschmerzen, da versenkte Nieten am Original zwar reichlich vorhanden sind, sich unter der Lackierung aber kaum abzeichnen. An allen Teilen ist Gussgrat vorhanden und somit zu entfernen. Das ist insbesondere an filigranen Teilen, wie den Federbeinen des Fahrwerks mühsam. Schade ist, dass am Vorderteil der Motorabdeckung die beiden seitlichen Lüftungsschlitze nicht offen dargestellt sind, wie das beim Heller-Bausatz der Fall ist. Hier dachte ich schon an Kit-Bashing, aber die Form der Motorabdeckung weicht zwischen den beiden Bausätzen doch erheblich ab, sodass ein simpler Austausch keinen Sinn macht.
Auf den stoffbespannten Steuerflächen sind die Leisten, auf denen der Stoff aufgetackert ist, ein wenig zu prominent dargestellt. Oberflächentextur des Stoffes ist nicht wiedergegeben. Es findet sich ein zusätzliches Seitenruder am Gussast, mit dem noch weitere Versionen der Bf 108 dargestellt werden können. Ansonsten ist das Seitenruder an der linken Rumpfhälfte angegossen (siehe Bild 6).
Weder die Rumpfhälften, noch die Tragflächenteile weisen Lokalisierungspunkte auf. Die Passgenauigkeit erscheint jedoch bei den ersten Trockenpassungen recht ordentlich. Allerdings muss nach dem Einkleben der Fahrwerksschächte an den Tragflächen und Schächten ordentlich nachgeschliffen werden, um obere und untere Tragflächenteile spaltfrei aufeinander zu bekommen.
Die Naben der Räder sind fein ausgeführt, das Loch zur Aufnahme der Achse befindet sich jedoch auf der Außenseite und muss innen noch gebohrt werden. Die Räder weisen kein Profil und keine Abflachung auf. Die Innenseite der Fahrwerksabdeckung ist schön detailliert, die Zweiteiligkeit der Abdeckung ist nicht wiedergegeben. Natürlich sind die Abdeckungen produktionstechnisch bedingt zu dick, aber dünner geschliffen sehen sie sehr gut aus. Der Kit wurde von Anfang an als Multimedia-Kit mit Resin-Teilen gestaltet. Das sieht man daran, dass neben einem im Ganzen gespritzten Propeller auch einzelne Blätter am Spritzling zu finden sind, die mit dem entsprechenden Resin-Spinner zu einem feineren Abbild der gewünschten Propellerversion zusammengesetzt werden können.
Alles in allem gefällt mir der Grad und die Ausführung der äußeren Detaillierung mit wenigen Abstrichen gut.
Im Cockpit erwartet einen dann ein gemischteres Bild. Hauptkritikpunkt sind hier die Sitze, deren Polsterungsdarstellung grob, unregelmäßig und zwischen Lehne und Sitzfläche nicht stimmig erscheint. Auch die Passgenauigkeit von Lehne und Sitzfläche ist bestenfalls mittelmäßig. Im Cockpit kommen auch die ersten Resin-Teile zum Einsatz. Alle Teile sind klassisch gegossen – also nicht 3D-gedruckt. Der Guss ist blasenfrei und fein. Mit Ausnahme der Instrumentenkonsole am Cockpitboden, die etwas asymmetrisch gegossen ist, machen alle Teile einen guten und fein detaillierten Eindruck. Die Seitpanele weisen die wichtigsten Details, wie Taschen und Trimmrad auf. Die Pedale sind am vorderen Brandschott angegossen – eine Lösung, die bei nahezu fehlender Einsehbarkeit am fertigen Modell vollkommen akzeptabel ist. Bedauerlich ist das Fehlen eines Abziehbildes für das Instrumentenbrett; auch Gurte sucht man vergeblich. Wieviel Spiel, bzw. Spalt zu den Rumpfseiten bleibt, wenn die Cockpitwanne in den Rumpf gesetzt wird, kann ich noch nicht sagen. Fehlen von Lokaliserungshilfen und eine erste grobe Trockenpassung lassen hier jedoch Herausforderungen erwarten.
Nach drei Schritten ist der Bau des Cockpits abgeschlossen und es geht an die Verglasung der hinteren Fenster. Diese werden von innen eingesetzt. Das erfordert ein gehöriges Maß an Trockenpassungen und Einschleifungen, um einen zufriedenstellenden Sitz zu erreichen. Die Cockpithaube ist zwar nicht superklar aber hinreichend schlierenfrei und sollte nach einer inneren und äußeren Politur gefallen können. Im Gegensatz zu anderen Cockpithauben, ist der Rahmen der Taifun auch am Original recht prominent, sodass die erhabene Darstellung angemessen ist. Hier wäre eine Stelle gewesen, wo die Darstellung von Nieten durchaus Sinn gemacht hätte, da diese am Original hier sehr markant sind.
In Bauschritt 5 wird die schöne Resin-Nachbildung der ersten beiden Zylinder des Argus A10-Motors in die vordere Motorabdeckung eingesetzt. Klingt leicht, isses aber nicht. Beide Teile erfordern umfangreiche Anpassungen bis das Resinteil bündig mit der Motorhaube abschließen kann. Es gibt hier auch keine akzeptable Formpassung oder Lokalisierungspunkte, sodass die an sich sehr schöne Idee, dieses prominente Attribut der Bf 108, nämlich den Argus-Motor, detailliert darzustellen, in der Umsetzung nicht zu gefallen weiß.
Nach den ersten Probepassungen befürchte ich, dass sich wohl auch die Montage der Tragflächen an den Rumpf nicht spaltfrei gestalten wird.
Kleinteile:
alle in Spritzguss ausgeführten Kleinteile, wie Spornrad, Höhenleitwerksstreben oder Propellerblätter weisen deutliche Gussgrate und/oder kräftige Angüsse auf, die das Versäubern nicht leicht machen. Das Spornrad liegt in einer Version bei. Die Bf 108 wurde im Laufe der Zeit mit verschiedenen Spornrädern ausgerüstet. Hier hilft ein Blick auf Vorbildfotos.
Sehr fein sind die Kleinteile ausgeführt, die als Resinguss mitgeliefert werden. Vor allem die maßstäblichen Rudergegengewichte und das Staurohr sind sehr filigran (siehe Bild 10)
Der Abziehbildbogen sieht sauber und scharf gedruckt aus. Über das Verhalten der Abziehbilder kann ich noch keine Aussage machen. Für die schweizer Version wäre eine Farbangabe zum blauen Teil der Motorhaube hilfreich gewesen, da dieser Teil, der ins Abziehbild übergeht, lackiert werden muss.
Zwei Verbesserungen, die ich mir bei Neuauflagen des Decal-Bogens wünschen würde, sind: einmal ein Instrumentenbrett und zweitens den feinen weißen Schriftzug „Taifun“ als separates Abziehbild; ggf. auch Gurte.
Und wenn wir schonmal bei Wünschen und Verbesserungen sind: Toll wären ordentliche Sitze und noch Steuerflächen und Fahrwerksbeine, ggf. auch -klappen aus Resin; das ganze abgerundet durch einen Ätzteilsatz und Masken. Der von Brengun erhältliche Ätzteilsatz ist bereits eine sehr schöne und nicht zu abgehobene Ergänzung. Vielleicht reden die beiden Tscheschen ja mal miteinander… 🙂
Fazit
Danke Fly für diesen Bausatz. Es ist ein Short-Run-Spritzguss-Kit und daher sind die entsprechenden Abstriche zu machen. Auf der Haben-Seite ist eine ordentliche Detaillierung und weiches, bearbeitungsfreundliches Plastik. Die beigelegten Resin-Teile sind eine sehr schöne Aufwertung des Modells. Kein Firlefanz, sondern genau an den Stellen, wo es einen Unterschied macht. Der etwas fortgeschrittenere Modellbauer sollte damit eine schöne Taifun auf die Räder stellen können. Dem Modellbauer, der auf die letzten Feinheiten nicht so viel Wert legt, seien die Editionen von KP ans Herz gelegt, die eine Taifun für recht kleines Geld auf den Basteltisch bringen.
Erklärung:
der Bausatz wurde vom Autor selbst erworben. Es bestehen keine Interessenskonflikte.






