Flucht mit der „Hoplite“ - Eine Episode aus dem Kalten Krieg
Von Erwin Besold
Publiziert: Amberg, den 10.05.2022
Vor 35 Jahren zur Zeit des noch „tobenden Kalten Krieges“, exakt am 04. März 1987 nachmittags um 15.10 Uhr landete ein Hubschrauber der tschechoslowakischen Armee (Ceskoslovenske VoJenske Letectvo) nahe Regensburg auf den Winzerer Höhen. Zur Zeit des noch geschlossenen „Eisernen Vorhangs“ eine kleine Sensation. Die Maschine wurde vom Frühwarnradar der Luftwaffe nicht bemerkt. Zwei junge tschechische Offiziere, ein 23 Jahre alter Leutnant und ein 28 Jahre alter Oberleutnant, gem. Angaben einer tschechischen Internetseite waren das Olt. Milan Komarek, Kommandant des 19. VRO (Hubschrauberschwarm) und Lt. Robert Goril, setzten sich in den Westen ab und baten um politisches Asyl. Bei der Maschine handelte es sich um eine 1985 von PZL in Polen in Lizenz hergestellte Mil Mi-2RChR (c/n 519429105, s/n 9429, NATO-Bezeichnung Hoplite).
Das genaue Flugziel war den Flüchtenden vermutlich selbst nicht ganz klar! In den Nachrichten war die Rede davon, eine ehemalige Radarstation hätte angeblich den Hubschrauber angelockt und zur Landung veranlasst. An diesem Tag wurde durch eine Einheit des Fernmeldebataillons 4, seinerzeit stationiert in der Prinz-Leopold-Kaserne in Regensburg, Richtfunkausbildung betrieben. Im Zuge dieser Ausbildung ist auf den Winzerer Höhen im Norden von Regensburg ein mobiler Sendemast aufgebaut worden.
Zu dieser Zeit war ich Oberfeldwebel in der 1. Kompanie, Nachschubbataillon 4 in Regensburg. Die Nachricht über die Landung des Hubschraubers erfuhr ich erst abends Zuhause in den Fernsehnachrichten. Dass ich mir am nächsten Tag die Landestelle ansehen musste, war klar. Morgens um 08.00 Uhr fuhr ich mit einem VW 0,4 to bei klirrender Kälte und schoss meine Fotos von der Maschine, die die ganze Nacht auf freiem Feld stand und demzufolge mit Reif überzogen war. Der Hubschrauber war durch eine Absperrung mit Trassierband abgesichert. Ein Polizeifahrzeug blieb die Nacht über als Wache bei der Maschine.
Auffallend war die einfache Ausführung des Hubschraubers. Ich erinnere mich an herunterklappbare Sonnenblenden für die Piloten, so wie sie in Kraftfahrzeugen bekannt sind. Spezialisten des Fernmeldebataillons 4 waren dabei, diverse Antennen unter dem Leitwerksträger der Mi-2 zu untersuchen und abzumontieren. Nach deren Meinung sind sie angeblich bei uns nicht bekannt gewesen.
Vom Verbleib der beiden tschechischen Offiziere ist nichts mehr bekannt geworden. Gerüchte besagen, der Bundesnachrichtendienst, später der amerikanische CIA, hätten sich sehr für die beiden Offiziere interessiert, die angeblich in den USA politisches Asyl beantragten. Der Hubschrauber ist ein paar Wochen später nach Zwischenstopp in Manching, wo die Maschine eingehend untersucht wurde, auf dem Landweg der CSSR zurückgegeben worden.
Der Hubschrauber wurde 1985 von der tschechoslowakischen Armee bei der 1. LTVPZ (Letka Velení a Pruzkumu – Staffelkommando- und Aufklärungsgeschwader) in Dienst gestellt. Er war bis 2002 bei der 33. Základna Vrtulníkového Letectva (Helikopter Airbase) stationiert und ist im gleichen Jahr von der Armee in Brünn ausgemustert worden. Er wurde an eine Firma Vortex Service in Turnov, Tschechien, verkauft.
Heute (Stand 2022) ist die Maschine mit russischer Zulassung RA-15741 noch immer bei der Fa. Barkol Airlines in Moskau, Russland, im zivilen Einsatz.
Kurzbeschreibung Mil Mi-2
Die Mil Mi-2 entstand aufgrund einer Forderung der sowjetischen Streitkräfte nach einem Nachfolgemodell des im Truppendienst befindlichen leichten Verbindungshubschraubers
Mi-1 „Hare“ aus dem Konstruktionsbüro von Mil. Der Erstflug des ersten Prototyps W-2 erfolgte im September 1961. Nach dem Bau von insgesamt zwei Prototypen wurde die volle Verantwortung für die Produktion, Weiterentwicklung und dem Verkauf an PZL-Swidnik in Polen übertragen. Der Erstflug des in Polen gebauten ersten SM-2 fand am 04.11.1965 statt. Die Produktion umfasste eine Vielzahl von Varianten und erreichte Ende der achtziger Jahre die 5.000er Grenze.
Technische Einzelheiten:
Typ: PZL-Swidnik SM-2 (Mil Mi-2 „Hoplite“)
Verwendungszweck: leichter Mehrzweckhubschrauber für Verbindungs-, Such- und Rettungsaufgaben, Luftnahunterstützung, Guerillabekämpfung
Antrieb: zwei 400 PS (298 kw) PZL Rzeszów/ Isotow GTD-350 Wellenturbinen
Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
Gipfelhöhe: 4.000 m
Reichweite (ohne Zusatzbehälter) 170 km
Leergewicht: 2.424 kg
Startgewicht: 3.700 kg
Abmessungen: Länge bei drehendem Rotor 17,42 m
Hauptrotordurchmesser 14,50 m
Höhe 3,75
Rotorfläche 165,13 qm
Bewaffnung: Maschinengewehrgondeln
AT-3 „Sagger“ PzAbwRaketen
jeweils an Trägern an den Rumpfseiten
(Die vorstehenden Angaben wurden verschiedenen Publikationen entnommen; die meisten Daten wichen voneinander ab!)
Literatur zum Mil Mi-2:
Aero Sammelwerk
Ordner 8, S. 3213 = Flugzeuge von A-Z, Techn. Daten, Dreiseitenriß, Farbbild Mi-2 der finn. Lw
Ordner 14, S. 5617 = Vergleich Mi-2 mit Bo 105 (Flugzeugstars Bo 105/ PAH)
Ordner 16, S. 6457 = Vergleich Mi-2 mit AH-1 (Flugzeugstars AH-1 Cobra)
Ordner 17, S. 6354 = Auf einen Blick, Techn. Daten, Dreiseitenriß, Farbriß Mi-2 der polnischen
- Luftwaffe, Farbbild Mi-2 des KHG (Kampfhubschraubergeschwader) “Adolf von Lützow”, LSK (Luftstreitkräfte) der NVA (Nationale Volksarmee der ehem. DDR)
Polnische Aeroplan
Ausgabe 3/96, Titelseite, S. 26-34, 40 = Farbfoto poln. PZL Mi-2 der 42. Eskadry Lotnictwa
Lacznikowo Transportowego (Transportgeschwader) der poln. Luftwaffe, Typenstory mit vielen Detailfotos von Kabine, Cockpit und Bewaffnung
Aeroplane Sammelwerk
Ordner 11, S. 3528 = Techn. Daten, Dreiseitenriß, Foto WSK-PZL Swidnik Mi-2, poln. Armee,
- 3548-3555 = Russische Rotorflugzeug Teil 1, Farbbild Mi-2 (CCCP-06152) m. Sprüheimern beidseitig des Rumpfes, Mi-2 (557) der Nat. Volksarmee der DDR, Foto Mi-2 der polnischen Armee
Aviation & Pilote
Ausgabe 11/95, S. 12 = Farbbild umgestürzte Mi-2
Das Große Flugzeugtypenbuch (Motorbuch-Verlag, 1977)
- 128 = Farbbild Mi-2 der Aeroflot
- 375 = Beschreibung, Dreiseitenriß, Foto Mi-2
- 542-543 = Technische Daten
Fliegerrevue
Heft 6/95, S. 45 = Mi-2 Luftrettung, 51. Geschwader der tschechischen Armee
Heft 2/98, S. 50-53 = Fahndung aus der Luft, Farbbild und Farbriss Mi-2 (D-HZPI) der Polizeihubschrauberstaffel. Brandenburg, Farbrisse Mi-2 (D-HZPA, DDR-VPE, DM-VPR)
FLUGZEUG
Heft 3/96, S. 64-66 = Modellbaubericht Aeroteam 1/72, Modellfotos
FLUGZEUG CLASSIC
Heft 5/2004, S. 11 = Polizeihubschrauber gehen in den Ruhestand, Farbbilder Mi-2 (D-HZPI,
D-HZPD, u.a.) der Polizeihubschrauberstaffeln Berlin und Brandenburg
Heft 6/2005, S. 32-37 = Hubschrauber in DDR, Farbbilder Mi-2, Volkspolizei/ Landespolizei Brandenburg
Green, Flugzeuge der Welt, Ausgabe 1963
- 271 = Technische Daten, Dreiseitenriß, Entwicklungsgeschichte, Foto Mi-2
Helico Special
Heft 1/97, S. 61 = Farbbild Mi-2, Helikopter Weltmeisterschaft 1996, Salem, Oregon, USA
Quellen:
– eigene Erlebnisse
– alle Fotos von der Landestelle stammen vom Verfasser



