Escadrila Alba - die rumänische Weiße Staffel
Von Michael Hase
Wir alle kennen die russischen Pilotinnen des Großen Vaterländischen Krieges, die beachtliche Erfolge gegen die einmarschierenden deutschen Truppen erzielten – nicht nur als berühmte „Nachthexen“ in Po-2-Flugzeugen, sondern auch als Jagdfliegerinnen. Lydia Litvyak mit dreizehn oder vierzehn bestätigten Abschüssen ist wohl die bekannteste unter ihnen. Aber wussten Sie, dass Rumänien, ein Verbündeter Deutschlands, ebenfalls eine rein weibliche Piloteneinheit an der Front hatte? Rumänien war eine von nur zwei Kriegsparteien, die es Pilotinnen erlaubten, Militärflugzeuge an vorderster Front zu fliegen – nicht Jagd- oder Bomberflugzeuge, sondern zur Evakuierung verwundeter Soldaten vom Schlachtfeld.
Beginnen wir am Anfang…
In den späten 1920er und 1930er Jahren gab es in Rumänien eine beträchtliche Anzahl bekannter Pilotinnen, die erfolgreich an nationalen und internationalen Flugwettbewerben teilnahmen.
Nadia Russo, Tochter eines russischen Adligen und hochrangigen Offiziers des Zarenreichs, der emigriert war, ist zweifellos die berühmteste von ihnen.
Mariana Drăgescu und Virginia Thomas waren ebenfalls herausragende rumänische Pilotinnen jener Zeit.
Marina Știrbei, eine Fliegerin und in den 1930er Jahren ein führendes Mitglied des Rumänischen Roten Kreuzes, schlug die Idee vor, Verwundete per Lufttransport zu transportieren. Als sich Rumänien auf den Krieg vorbereitete, richtete die rumänische Luftwaffe (Aeornautica Regalía Romana) eine Verwundetenevakuierungsstaffel ein, die 1940 den Namen Escadrila Sanitara erhielt. Von Anfang an bestand diese Staffel ausschließlich aus Pilotinnen, darunter Rumäniens bekannteste Fliegerinnen. Ein italienischer Journalist gab der Einheit aufgrund ihrer weiß lackierten Flugzeuge den Namen Weiße Staffel – Escadrila Alba. Ein italienischer Film aus den 1940er Jahren basiert sogar auf der Geschichte dieser mutigen Frauen. 1943 wurde die Einheit in Escadrila 108 Transport Usar umbenannt.
Nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR schloss sich Rumänien dem Achsenbündnis an und entsandte Truppen an die Ostfront. Rumänische Streitkräfte nahmen an den Schlachten von Odessa, Stalingrad und später an der Krimfront teil – allesamt mit schweren Verlusten, nicht zuletzt aufgrund unzureichender Kleidung und Ausrüstung. Die sowjetischen Kommandeure in Stalingrad erkannten die von italienischen und rumänischen Truppen gehaltenen Flanken der deutschen 6. Armee als deren schwächste Punkte und versuchten dort den Durchbruch – mit den verheerenden Folgen, die wir heute kennen. Viele Deutsche gaben – und geben immer noch – ihren Verbündeten die Schuld an der Katastrophe und übersahen dabei die erbitterten Kämpfe und die hohen Verluste der italienischen und rumänischen Truppen. Es ist immer einfacher, anderen die Schuld zuzuschieben.
Allein während der Schlacht um Stalingrad evakuierte die Ecadrila Alba über 1500 rumänische Verwundete. Trotz der weißen Lackierung und der deutlich sichtbaren Rotkreuz-Markierungen flogen sie ihre RWD-13-Flugzeuge in extrem niedrigen Höhen, um sowjetischen Jagdflugzeugen zu entgehen. Jede Pilotin absolvierte bis zu sechs oder sieben Einsätze pro Tag, sofern Entfernung und Wetter es zuließen. Die Flugzeuge wurden bald darauf zur besseren Tarnung dunkelgrün lackiert, behielten aber das Rotkreuz-Emblem. Bis zur Auflösung der Einheit am 25. August 1944 hatte sie rund 10.000 verwundete und gefallene Soldaten nach Rumänien zurückgebracht.
Mariana Dragescu mit einem Verletzten vor dem Start (Foto der Propaganda-Abteilung des Generalstabes, Quelle: Wikipedia)
In den ersten Nachkriegsjahren wurden diese Frauen unter dem kommunistischen Regime schikaniert und verfolgt. So wurde bespielsweise Nadja Russo als Vergeltung für ihren Kriegsdienst aufgrund falscher und ungerechtfertigter Anschuldigungen inhaftiert. Einige Pilotinnen flohen aus dem Land und kehrten nie in die Nation zurück, die ihnen so viel Leid zugefügt hatte. Erst nach dem Fall des kommunistischen Regimes wurden ihre Bemühungen, unzählige Menschenleben zu retten, endlich anerkannt und in gewissem Maße gewürdigt.
Die englische Version dieses Textes von Michael Hase erschien im Dezember 2025 in der Zeitschrift Scale Aircraft Modelling, Volume 47, Issue 10, Seiten 80 und 81 anlässlich des Erscheinens eines Bausatzes der RWD-13 von RS Models, der im gleichen Heft vorgestellt wurde. Das Einverständnis zur Publikation des deutschsprachigen Internet-basierten Textes liegt vor.
Alles Bildmaterial wurde von deutschen, englischen und rumänischen Wikipedia-Seiten heruntergeladen



