In-Box Review
von Andreas Borsos
Kategorie : Fahrzeuge
Modell : Peugeot 202
Hersteller : WarModelsKit (https://warmodelskit.com/)
Maßstab : 1/48
Material : Resin im 3D-Druck
Zum Vorbild:
Der Peugeot 202 mit seinen charakteristischen hinter dem Kühlergrill gelegenen Scheinwerfern rollte 1938 als sparsame Kleinwagenvariante des großen Bruders Peugeot 402 in den Verkauf. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h, einem Gewicht von rund 800 Kg und einem Verbrauch von 7-8,5 Litern auf 100 Km blieb der 202 elf Jahre lang, bis 1949, im Programm von Peugeot, länger als jeder andere Vorkriegs-PKW. Bereits im ersten Jahr wurden 20.000 Stück hergestellt, insgesamt verließen über 100.000 Peugeot 202 PKWs die Werkshallen.
Gemäß der Mode der Zeit erschien der 202 nicht nur als Limousine, sondern auch als Cabriolet und Cabriolimousine („Decouvrable“). Letztere erhielt ein abnehmbares Stoffdach, blieb jedoch ein Viertürer und behielt die Limousinenform. Mich als Nicht-Fachmann in der Autoterminologie erinnert diese Bauart an die Frühform des Panoramadachs, das sich zwar weitgehend entfernen lässt, aber den Rahmen über den Türen beibehält. Die Cabriolet-Version jedenfalls war laut deutschem Peugeot-Vorkriegsregister ausschließlich als Zweisitzer erhältlich, das komplett einklappbare Faltdach nahm den Platz des dritten und vierten Passagiers ein. Zudem wanderte das Reserverad unter den Kofferraumdeckel, was dem Cabriolet ein noch sportlicheres Aussehen verlieh. Bereits 1938 erschien eine Lieferwagenversion des 202, die bis 1949 in rund 36.000 Exemplaren gebaut wurde.
Wer nach dem 202 recherchiert, stößt dabei unweigerlich auf den Typenzusatz „BH“ bzw. „UH“. Diese beiden Kürzel stammen aus der Nachkriegszeit und bezeichnen solche Limousinen, Cabriolets oder Lieferwägen, bei denen die bis dahin gebräuchlichen Seilzugbremsen durch hydraulische Bremsen ersetzt worden waren.
Am 20. Oktober 1939 und am 15. Februar 1940 bestellte die französische Armee 400 bzw. 150 202-Limousinen, ab 28. März 1940 sah man eine Lieferung von monatlich 150 Fahrzeugen an die Armee vor. Insgesamt sollen bis zum 31. Dezember 1940 1906 Exemplare bestellt und rund 900 geliefert worden sein. Der 202 war also auch im militärischen Olivgrün, in dem die Militärbestellungen geliefert wurden, ein nicht gerade seltener Anblick. Hinzu kamen zahlreiche Peugeots 202, die nach Kriegsausbruch neben anderen zivilen Fahrzeugen von der Armee requiriert wurden. Offiziell bestellt wurden wohl nur Limousinen, allerdings existieren auch Aufnahmen von Decouvrables in der französischen Armee – offensichtlich requirierte Zivilfahrzeuge. Ob das zweisitzige Cabriolet überhaupt für die Armee fuhr, entzieht sich meiner Kenntnis. Wohl aber ist überliefert, dass der 202 auch als Lieferwagen in unbekannter Anzahl für das französische Militär lief. In ebenfalls unbekannter Anzahl wurde der 202 dann nach dem Waffenstillstand am 25. Juni1940 dann von der deutschen Wehrmacht in Dienst gestellt und endeten als Wracks verstreut über ganz Europa und den Weiten der Sowjetunion.
Was gibt’s zu lesen?
Lesenswert und reich bebildert ist das deutschsprachige Peugeot Vorkriegsregister (https://vorkriegs-peugeot.de/das-register/), das dem der französischen Sprache nicht Mächtigen grundlegende Informationen vermittelt.
Standardwerk zu französischen Militärfahrzeugen der Phase 1939/40 ist weiterhin François Vauviller, L’automobile sous l’uniforme. 1939-40. Paris 1992, zum 202 hier auf S. 46 und 57.
Das Modell:
Die drei 3D-gedruckten Modelle, die ich hier in einem bespreche, stammen von der hierzulande meines Wissens leider noch unbekannten Firma „War Models Kit“, die eigentlich im Maßstab 1:72 beheimatet ist und hier eine sehr große Anzahl schön gemachter und in äußerst realistischen Posen gestalteter Figuren, Zivil- und Militärfahrzeige des 2. Weltkriegs anbietet: https://warmodelskit.com/. Ich muss zugeben, mich in die kleinen Szenerien regelrecht verliebt zu haben. Menschen im Pariser Café, während Zeitungsjungen gerade den Kriegsausbruch ausrufen, angreifende britische Fallschirmjäger oder marschierende Wehrmachtssoldaten – hier wurden alle Posen aufeinander abgestimmt zu liebevoll gestalteten kleinen Geschichten, die so gar nichts mehr zu tun haben mit der Steifheit und Puppenhaftigkeit von so mancher in Großserie hergestellter Plastikfigur. Toll, welche Kreativität der moderne 3D-Druck freisetzen kann!
Und noch einen Vorteil hat der 3D-Druck: Man kann ja grundsätzlich die Modelle in verschiedenen Maßstäben drucken… Im Juli hatte ich Pascal, den Eigentümer von War Model Kits, kontaktiert, ob es denn vielleicht möglich wäre, seine Modelle, insbesondere seine Peugeot 202-Reihe, auch im Maßstab 1:48 zu bekommen. Im September hatte ich meine erste Bestellung mit diesen drei Schmuckstücken in der Hand. Pascal listet auf seiner Homepage nun die 48er Limousine für 38,-€, den Lieferwagen für 38,50€ und das Cabriolet für 42,-€. Auch im kleinen Maßstab 1:72 sind sie erhältlich.
Ich denke, der Leser merkt: Eine rundum neutrale Rezension ist das nicht. Ich bin Fan. Aber die Fotos sollten für sich selbst sprechen.
Alle drei Bausätze kamen in einer Plastiktüte mit kleiner angehefteter Pappfahne. Eine reichlich bebilderte Anleitung, die keine Fragen offenlässt, kommt digital per E-Mail. Bei vielen anderen im 3D-Druckverfahren hergestellten Modellen ist es eine Plage, die zahllosen Druckstützen mit Seitenschneider, Skalpell oder Resinsäge zu entfernen. Häufig bleiben selbst bei größter Vorsicht Pusteln am Modell zurück, die danach verschliffen werden müssen. Hier ist nichts dergleichen zu befürchten. Die Teile lassen sich vollkommen mühelos von den Druckstegen entfernen, wenn man sie ganz sanft mit dem Fön erwärmt. Etwas Vorsicht ist hier selbstverständlich angesichts der schieren Anzahl filigraner Teile geboten, aber das relativ flexible Resin verzeiht durchaus die eine oder andere Unachtsamkeit.
Allen drei Bausätzen gemein ist das mit dem reichlich detaillierten Motor und dem Auspuff in einem Stück gedruckte Chassis. Die Radaufhängungen vorne sind als Halbkugel ausgeführt, was es sehr einfach ermöglicht, die Räder eingeschlagen anzukleben – eine gute Idee! Die Anleitung sieht nun vor, den Unterboden mit angedrucktem Armaturenbrett, Schalt- und Handbremshebeln sowie allen Pedalen sowie Lenkrad und Räder anzukleben, um dann die Karosserie (und im Falle des Lieferwagens auch die Pritsche) aufzusetzen. Ich habe das bei allen drei Modellen ausprobiert, dann auch noch die Türen, Motorhaube und beim Cabriolet den Kofferraumdeckel aufgesetzt, die Passung der Teile ist außerordentlich gut. Die Spalten, die auf meinen Fotos sichtbar werden, entstehen, da ich keine fünf Hände habe, um alle Teile vernünftig zusammenzuhalten. Tatsächlich tut sich zwischen Türrahmen und A-Säule der Limousine ein kleiner Spalt auf, der wahrscheinlich durch das Tauchen der Karosserie in heißes Wasser zu beseitigen ist. Abgesehen davon und vom Spriegelgestell des Lieferwagens sind keine Teile verzogen oder weisen andersartige Beschädigungen auf. Auch die auf den Fotos sichtbaren Drucklayer sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Anders als beispielsweise bei Tamiya-Modellen sind Kleinteile wie Scheibenwischer oder Spurstangen maßstabsgerecht dünn ausgeführt, was die Modelle sehr filigran wirken lässt. Eine Ausnahme gibt es, die Kühlerrippen. Am Original gibt es einige mehr und sie sind im Verhältnis natürlich dünner ausgeführt. Hier kommen wir dann doch an die Grenzen dessen, was im 3D-Druckverfahren möglich ist. Drucken ließe sich das wohl schon noch dünner, nur wäre die Motorhaube dann zerbrechlicher als ein rohes Ei. Hier würde ein fotogeätztes Teil Abhilfe schaffen, allerdings müsste in dieses dann wiederum die charakteristische Rundung eingearbeitet werden. Insofern kann ich gut mit diesem Kompromiss leben.
Die Limousine („Berline“): (Fotos auf gelbem Hintergrund) Neben den bereits genannten Einzelteilen finden sich hier die Sitze, die Außenspiegel, separate Felgen und Reifen sowie Frontstoßfänger und Dachträger. Die meisten Kleinteile liegen mehrfach bei, für Ersatz bei Verlust ist also gesorgt. Klarsichtteile gibt es, wie bei 3D-gedrucken Modellen üblich, nicht. Dafür liegt eine gedruckte Schablone für Front-und Heckscheibe bei, mit der sich aus Klarsichtmaterial Scheiben schneiden lassen. Schließlich umfasst der Bausatz der Limousine eine zivile Fahrer- und eine Beifahrerinnenfigur, beide in absolut realistischer und überzeigender Haltung.
Dem Cabriolet (Fotos auf hellblauem Hintergrund) liegen neben den beiden Vordersitzen auch die Rücksitzbank der Limousine bei, die es, zumindest meinem Wissen nach, im Cabrio nicht gab. Aber auch hier sieht die Anleitung einen Anbau vor. Französisches Fahrzeug – französische Recherche: Ich denke daher, dass hier eher das deutsche online-Vorkriegsregister falsch liegt, und die Cabrios vermutlich doch mit Rückbank ausgeliefert wurden. Das Verdeck jedenfalls gibt es mit sehr realistischem Faltenwurf einmal in auf- und einmal in zusammengeklappter Version. Und auch dieser Bausatz beinhaltet zwei Figuren. Hier fährt die Dame und der Herr sitzt lässig auf dem Beifahrersitz, rauchend, den Arm um die Schultern seiner Chauffeurin gelegt und womöglich ihren Fahrstil kommentierend. Beide Figuren sind auch hier absolut lebensecht ausgeführt.
Hier sei angemerkt, dass es nur auf den ersten Blick möglich ist, das Cabriolet in einen „Decouvrable“ umzubauen, indem man aus Plastikstreifen den Rahmen um die Türen ergänzt. Da beim Cabriolet im Gegensatz zum Decouvrable das Reserverad im Kofferraum untergebracht ist, müsste man nämlich auch einen neuen Kofferraumdeckel bauen.
Der Lieferwagen (Fotos auf schwarz-grauem Hintergrund) (in der Bausatzbezeichnung „Pick-Up“, historisch „Fourgonnette“) beinhaltet neben der Fahrerkabine eine Pritsche mit Spriegelgestell und Plane, die ebenso wie das Verdeck des Cabrios einen sehr realistischen Faltenwurf aufweist. Laut Anleitung wird das Gestell in der Plane befestigt und beides dann auf der Pritsche verklebt – das passt auch ohne Klebstoff. Dem Lieferwagen liegt nicht nur eine Menge Zubehör wie Eimer, Säcke, Kisten, Benzinkanister, Werkzeuge und Leitern bei, die es ermöglichen, das Fahrzeug voll zu beladen, sondern auch ein Handwerker in zweifacher Ausführung, sowie ein Hund. Der Handwerker, stilecht mit Ballonmütze, Feinrippunterhemd und Zigarette ist einmal als Fahrerfigur ausgeführt und ein weiteres Mal beim Tragen eines Werkzeugkastens. Es erübrigt sich, auch hier zu betonen, wie lebensecht Herr und Hund gestaltet sind.
Fazit
Ob als ziviles Fahrzeug oder als militarisierte Variante, ob als Einzelmodell, Vignette oder als Teil eines größeren Dioramas, die drei Versionen des Peugeot 202 sehen fantastisch aus und sind für jedes Modellbauprojekt eine Bereicherung. Ich freue mich schon darauf, was Pascal als nächstes für den Maßstab 1:48 vergrößert.



















