Arado Ar 199 vor Ablaufbahn mit bereitstehendem Transportwagen und Lanz-Bulldog (Extratech).

Seeflugzeug Arado Ar 199 (RS Models, 1/72)

Baubericht von Gerd Busse*

Original

Die Arado Ar 199 war ein unbewaffnetes  Schulflugzeug, in den Maßen der 196 ähnlich, aber viel leichter (Leergewicht 1676 kg, Fluggewicht 2060 kg) und schwächer motorisiert, also ein ganz anderes Flugzeug. Mit der schlankeren Motorverkleidung (Wasserkühlung statt Luft, Argus As 410 C12 Zylinder), dem abgerundeten Rumpf und der abgerundeten Kabine wirkte sie optisch wie eine hübschere Schwester der Ar 196, ist aber leider weniger bekannt.

Vorbild des hier vorgestellten Modells war die Ar 199 V3 mit der W. Nr. 3673 und der ursprünglichen Kennung  D-ITLF. Sie flog später mit der Kennung  TJ+HL und wurde während ihrer Zeit in Finnland im August 1942 auf dem Wesnj-See beschossen, wobei ein Schwimmer ein Leck bekam und die Maschine infolge des erhöhten Gewichts nicht mehr starten konnte. Sie diente in der Folgezeit als Zielscheibe für russische Jagdflugzeuge. Was danach noch übrig war, wurde schließlich 1993/94 geborgen und dann nach Kanada verkauft und soll restauriert werden. Die Maschine ist mit ein paar Fotos dokumentiert, auch mit der ursprünglichen Kennung.

Modell

Erfreulicherweise gibt es jetzt einen Bausatz dieses eher seltenen Flugzeugs. Der Bausatz ist allerdings eine Herausforderung, weil die Anleitung zwar vor allem die Montage des gut detaillierten Cockpits beschreibt, der Rest der Beschreibung ist aber eher ein sehr knapp gehaltenes Provisorium: Ein paar Bauteile werden nicht erwähnt, die Motorhabe ist in zwei Versionen vorhanden mit unklarer Zuordnung.

Nun zum Modell von vorne nach hinten.

Der Ölkühler unter dem Bug wurde geöffnet. Die Verkleidungsbleche der Motorhaube erhielten Klavierbandscharniere, dargestellt durch metallisch blanke Drähte mit 0,15 mm Durchmesser, von denen nach dem Aufkleben und Lackieren mit einer feinen Nähnadelspitze im Abstand von 0,5 mm der Lack abkratzt wurde.

Die beiden massiv dargestellten Auspuffrohre wurden durch gerolltes 0,1 mm dickes Aluminiumblech ersetzt. Wer darauf Wert legt, dass das fertige Modell später vorbildgerecht steht, kann die Motorverkleidung vor dem Ankleben mit Blei füllen.

So gut ist die Unterseite später am fertigen Modell nicht mehr zu sehen: Auspuffrohre, frei gefräster Kühler. Tragflächen und Höhenleitwerk mit freigestellten Ruder- und Trimmflächen. Die Streben zur Aufnahme der Schwimmer sind bereits angebracht. Der weiße Punkt hinter dem rechten Auspuffrohr ist das „Dampferlicht“ an seiner Halterung.

Das Cockpit ist auf den beiden vorderen Sitzen mit fotogeätzten Gurten ausgestattet. Rote Griffe befinden sich im Inneren der Kabine oben am Rahmen, an denen die Kabinenteile verschoben wurden. Auf dem Decalbogen hätte man sich Cockpitinstrumente gewünscht und auch Gurte für einen hinteren Sitz. Eine tiefgezogene Kabinenhaube hätte einen besseren Einblick in das geräumige Cockpit ermöglicht. Aus Erfahrung mit der Firma Falcon weiß man, wie gut solche Hauben am Modell aussehen.

Cockpit mit Details. Freigestellte Ruderflächen und Trimmruder. Korrigierter Gewichtsausgleich am Höhenruder. Spalt beim nach unten ausgeschlagenen Querruder.

Die Einstiegsleiter (Fotoätzteil) lässt sich später einfacher und genauer anbauen, wenn zuvor an den markierten Stellen an der Rumpfseite Bohrungen eingebracht werden.

Wer seinem Modell eine Antenne anbauen möchte, kann schon jetzt an der passenden Stelle eine kleine Bohrung für die Einführung der Antenne in den Rumpfrücken über dem linken Balkenkreuz einbringen.

Der Katapultbeschlag unter dem Rumpf hinter den Tragflächen ist als Fotoätzteil vorhanden. Er wurde durch einen auf 0,3 mm dünn gezogenen Gußast ersetzt und an der Spitze mit einer Öse versehen. Der Haltegriff unter dem Seitenleitwerk wird mit 0,3 mm dickem gebogenen Draht dargestellt.

Kleinteile von oben nach unten: Flettnerruderanlenkung und statischer Gewichtsausgleich für Querruder, Katapultbeschlag.

Falsch ist die Gravur des Höhenruders: Der Gewichtsausgleich gehört vor das Scharnier, nicht dahinter. Das ist gut korrigierbar, wenn man – wie hier – das Höhenruder abgetrennt und leicht ausgeschlagen darstellen will. Das Trimmruder bewegt sich dabei in Gegenrichtung, wobei oben Schubstange und Anlenkhebel einzuplanen sind. Am Ende des Rumpfes wird eine kleine Bohrung zum Einführen der Schubstange für die Höhenruderanlenkung eingebracht, die unten zum Anlenkhebel an der Rudervorderkante führt.

Die Passgenauigkeit der Tragflächen am Rumpf war nicht optimal. Die zu dicken Positionslampen an den Flächenenden wurden abgeschliffen und kleiner dargestellt. Das Balkenkreuz auf den Tragflächen wurde durch ein besser passendes ersetzt. Querruder und Landeklappen kann man freistellen, mit Scharnieren versehen und auch die Trimmruder freistellen und leicht ausgeschlagen ankleben. Dabei ist zu beachten, dass die Trimmruder entgegen den Querrudern ausschlagen (Flettnerruder). Wenn man die Anlenkung realistisch darstellen will, muss man die nur symbolhaft dargestellten Schubstangen entfernen und durch richtige Stangen und Anlenkhebel ersetzen. Die statischen Ausgleichsgewichte der Querruder fehlen im Bausatz, sie werden an ihren, um 45 Grad nach unten geneigten Stangen, an den Querrudern befestigt. Diese Kleinteile (für die auch auf der Ätzteilplatine Platz gewesen wäre…) werden erst zuletzt befestigt. Sie neigen nämlich dazu, unter dem Basteltisch zu verschwinden. Am besten plant man bei der Herstellung entsprechenden Schwund ein, wenn man nicht viel Zeit mit Suchen verbringen will. Für punktgenaue Klebungen der Kleinteile wurde Sekundenkleber mit einer Nadelspitze aufgetragen.

Die (zuletzt angebrachten) Schwimmer sind der eigentliche Hingucker des Modells. Die Gravuren sind sorgfältig ausgeführt, auch die vielen Deckel auf den beiden Schwimmern. Bei Wasserflugzeugen liegt der Schwerpunkt vor der Schwimmerstufe. Das sollte man beachten, wenn das Modell auf seinem Transportwagen (oder auf festem Untergrund) vorbildgerecht stehen soll. Hierzu reicht aber der Ballst vorne im Rumpfbug nicht aus, zusätzlich sollte man in die Schwimmer möglichst weit vorne Metallgewicht einfügen, bevor man die Hälften zusammenklebt.

Die Wasserruder am Ende der Schwimmer bekommen jeweils Ruderhörner und drei Seilzüge, einer davon zieht das Wasserruder vor dem Startvorgang aus dem Wasser, die anderen beiden bewirken bei abgesenktem Ruder die Ruderauslenkung für die Steuerung im Wasser. Wie das aussehen soll, kann man im Internet an der Ar 196 ansehen, die in Nordhorn restauriert wird, oder im Wartungshandbuch der Ar 196 (z.B. in Luftfahrt-International).

Wasserruder mit Ruderhörnern und drei Seilzügen: Der mittlere zieht das Wasserruder vor dem Startlauf hoch (es könnte sonst zum Ringelpietz kommen), die anderen beiden bewirken die Ruderauslenkung.

Die roten Striche an den Schwimmern wurden nach Fotos angebracht. So schmale Striche lassen sich am besten darstellen, indem man aus roten Decals schmale Streifen ausschneidet. Die Schwimmerspitze war vermutlich ebenfalls rot lackiert, damit man sie beim Anlegen besser von der Umgebung unterscheiden kann.

Die Montage der Schwimmer wird einfacher, wenn in die Streben an ihrem oberen Ende feine Bohrungen zur Aufnahme von 0,3 mm dicken Metallstiften eingebracht werden, die in entsprechend eingebrachte Bohrungen im Rumpf passen. Dann kann beim Ankleben nichts mehr verrutschen. An der rechten Innenstrebe war in Flugrichtung das bei Wasserflugzeugen übliche „Dampferlicht“ angebracht, mit dem ein vor Anker liegendes Seeflugzeug bei Nacht markiert war. Dieses kleine Licht ist auf Fotos gut zu sehen, wenn man weiß, was man sucht.

Die Schwimmer sollen parallel zueinander und von vorne gesehen so ausgerichtet sein, dass ihre ebenen Oberseiten horizontal stehen (damit niemand abrutscht und ins Wasser fällt). Diese komplizierte Ausrichtung wird durch eine geeignete Vormontage der Schwimmer erleichtert, so dass dieser Block als Ganzes passgenau auf die vier Klebstellen des auf dem Rücken liegenden Modells geklebt wird.

Montage der Schwimmer: Die Zahnstocher liegen oben auf der ebenen Fläche der Schwimmer auf und werden mit den vier Gummibändern einstellbar gehalten, so dass sie schon vor dem Klebevorgang an die Streben angepasst werden können.

 

Beim „richtigen“ Flugzeug wirken auf die Schwimmer bei der Wasserung und auch im Wellengang generell starke Scherkräfte, die durch Diagonalverspannungen zwischen Schwimmern und Rumpf sowie oben zwischen den Schwimmern untereinander abgefangen werden. Wer diese sechs Spanndrähte (also drei Kreuze) anbringen will, sollte rechtzeitig passend orientiert bohren. Die Spanndrähte wurden am Modell mit Keramikfasern mit 0,13 mm Durchmesser dargestellt, weil diese schnurgerade sind und auch so bleiben. Allerdings ist darauf zu achten, dass sie nur an einem Ende festgeklebt werden, weil sie sich sonst infolge der unterschiedlichen thermischen Ausdehnung von Kunststoff und Keramik verbiegen könnten.

Die ausgekreuzten Spanndrähte tragen maßgeblich zum realistischen Erscheinungsbild des fertigen Modells bei.

Die Antenne zwischen dem Mast vorne auf der Kabine und der Befestigung oben auf der Seitenflosse wurde mit einer Keramikfaser mit 0,07 mm Durchmesser dargestellt, die nur vorne am Mast festgeklebt ist und sich am hinteren Ende frei in einer aus dünnem 0,15 mm dickem Metalldraht gewickelten Spannfeder bewegen kann.

Aus dieser Perspektive sind die Spanndrähte sowie die Ruderanlenkungen besonders gut zu erkennen.

Noch kurz zu den Modellfotos, die seit vielen Jahren immer mit derselben Digitalkamera aufgenommen wurden: Blende 11 wegen der Tiefenschärfe, deswegen war die Belichtungsdauer meistens länger und erforderte ein Stativ. Beim Hintergrundposter liegt der Horizont auf der Augenhöhe des maßstabgerechten Betrachters, der Sonnenschein passt zum Wetter auf dem Hintergrundposter. In diesem Fall also bedecktes Wetter entsprechend den dunklen Wolken auf dem Poster, das wegen der Lackierung des Modells in RLM 02 so gewählt wurde, dass die Feinheiten der Details nicht in Schlagschatten untergehen. Auf den Fotos wurden kleinere Schönheitsfehler nachträglich mit dem Computer korrigiert, z.B. Fehler an Abziehbildern oder Kleberreste.

Das linke Bild zeigt die Einführung des Antennendrahtes in den Rumpf über dem linken Balkenkreuz. Im rechten Bild die waagerechte Verspannung zwischen den Schwimmern.

Fazit

Die Firma RS hat ein schon lange fälliges Modell des formschönen Wasserflugzeugs Arado Ar 199 herausgebracht. Die Gravuren sind versenkt und fein, das Modell ist fast fehlerlos und unbedingt zu empfehlen. Es bietet genug Gestaltungsspielraum für Modellbauer, die die Detaillierung ausreizen wollen, einen Teil davon hätte man gerne im Bausatz vorgefunden. Die vorbildgerechte Lackierung in RLM 02 erhöht die Sichtbarkeit dieser Feinarbeit und steigert die Darstellungsmöglichkeit, z. B. der bespannten Ruderflächen.

 

 

*) Der Baubericht erschien als Erstveröffentlichung auf der Homepage der Maple Leaf Modellers in Bühl.